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Das Ausgeh- und Freizeitmagazin der «Schaffhauser Nachrichten» 02.09.2010

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Tolle Erlebnisse schaffen

Der Musikerguru Werner Bärtschi hat die künstlerische Leitung der Meisterkonzerte inne. Ein Gespräch über seine Ideen und darüber, was ihn motiviert.


Herr Bärtschi, Sie sind Pianist, Komponist, Dirigent, Lehrer, veranstalten Meisterkurse und Konzerte … was aber sind Sie am meisten?

Werner Bärtschi: Ich bin einfach Musiker – in umfassendem Sinne. Am meisten Pianist. Das Klavier spielt eine zentrale Rolle in meinem Leben.

Inwiefern?

Bärtschi: Die Werke studieren, ein Programm vorbereiten, meine musikalischen Ideen verwirklichen, auch der Auftritt – das macht mir Spass. Dabei ist es eigentlich ein unbequemer Beruf: Man ist mit der Arbeit nie «fertig». Man könnte es immer noch besser machen und ist nie recht zufrieden. Dazu kommt, dass ich freischaffend bin; niemand wird mich pensionieren. Ich höre sowieso nicht auf zu spielen.

Wie wurde Werner Bärtschi Musiker – und eine der herausragendsten Musikerpersönlichkeiten der Schweiz?

Bärtschi: Ich wurde vor sechzig Jahren in eine bürgerliche Familie in Zürich hinein geboren. Ich wollte gerne Basssaxofon spielen. Meine Eltern überredeten mich zum Klavier. Mit 14 Jahren wusste ich, dass die Musik mein Leben sein würde.

Und irgendwann begannen Sie, auch Musik zu schreiben?

Bärtschi: Schon als Kind. Später habe ich die Komponisten der Avantgarde persönlich kennengelernt: John Cage, Karlheinz Stockhausen, Mauricio Kagel. Es waren aussergewöhnliche Menschen. Ich glaube, als junger Mensch muss man interessiert sein am Neuen. Danach folgte aber eine unfruchtbare Zeit.

Wie würden Sie Ihre eigene Musik einem Laien beschreiben?

Bärtschi: (überlegt lange) Vielleicht melodiöser, harmonischer, nicht wie andere zeitgenössische Musik oft klingt ... Als ich mein Orchesterwerk «Die Majestät der Alpen» in Schaffhausen mit der Südwestdeutschen Philharmonie aufführte, kamen die Leute zu mir und sagten: «Ich konnte gut folgen.» Das ist vielleicht das Wichtigste: Verständlichkeit. Es ist schwierig, das in Worte zu fassen.

Wieder ist es Ihnen gelungen, für die Meisterkonzerte Topinterpreten nach Schaffhausen zu holen. Wie machen Sie das?

Bärtschi: Ich verhandle wie jeder andere. Es ist natürlich nicht so einfach, die besten Leute zu bekommen. Viele Kollegen kenne ich persönlich. Aber auch zu den Agenturen muss man ein Vertrauensverhältnis aufbauen. Im Moment organisiere ich schon die nächsten Meisterkonzerte.

Was motiviert Sie dabei?

Bärtschi: Ich will dazu beitragen, dass die Menschen immer wieder die Chance zu begeisternden, tiefen und nachhaltigen Konzerterlebnissen haben. Diese sind wie bezaubernde Begegnungen oder ein unvergessliches Gespräch. Man kann sich doch selbst kaum Besseres zuliebe tun, als ein herrliches Konzert zu besuchen! Und dass sich die Stiftung Werner Amsler auf diese Weise für die Kultur einsetzen kann, ist ein
Geschenk für Schaffhausen!

Je mehr Kultur, desto besser?

Bärtschi: Das ist nicht eine Frage der Anzahl. Aber man muss immer wieder die Chance haben, ein Konzert zu erleben, das so gut ist, dass es vielleicht zum einschneidenden Erlebnis wird. Kultur ist unser
Luxus. Sie ist ein Indiz, dass es unserem Land, unserer Gesellschaft gut geht. Dieses dichte Netz von Leuten, die an Inhalten interessiert sind, ist unser bester Reichtum. Landauf, landab sind die Menschen belesen, engagieren sich, interessieren sich, musizieren, spielen Theater, machen und konsumieren Kultur.

Der Klassikmarkt ist überschwemmt mit jungen, technisch brillanten, modisch und hübsch anzusehenden Solisten. Was aber macht einen grossen Musiker aus?

Bärtschi: Das ist sehr rar. Es ist etwas, was dann einfach da ist. Unabhängig vom Alter. Ich sehe diesen Jungstarkult mit Skepsis. Oft wird ein Geschäft gemacht mit den jungen Künstlern. Und ein paar Jahre später sind sie weder berühmt noch erfolgreich. Das ist ähnlich wie bei diesen Talentshows im Fernsehen. Ich sichte haufenweise Bewerbungen. Die meisten haben professionell aufgemachte Dossiers und werden als berühmte und aussergewöhnliche Künstler angepriesen. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie viele berühmte Musiker es heute
angeblich geben soll! Ich höre mir alle Aufnahmen an. Das Tonträger-Zeitalter hat leider bewirkt, dass
vieles sehr genormt klingt. Manchmal aber passiert es, dass man schon nach wenigen Augenblicken instinktiv weiss: Da ist eine Persönlichkeit, da ist eine Aura, eine Ausstrahlung. So habe ich vor Jahren eine noch ganz unbekannte Geigerin «entdeckt»: die inzwischen weltberühmte Patricia Kopatchinskaja.

Wie wählen Sie die Musiker aus?

Bärtschi: Mein Ziel ist es, die hochkarätigsten Musikerpersönlichkeiten nach Schaffhausen zu bringen. Auch kleinere Ensembles, wie im letzten Jahr das Tokyo String Quartet oder 2008 das Beaux Arts Trio, kommen infrage. In Schaffhausen gibt es ja ein gutes Konzertleben mit den MCS-Konzerten und anderen Veranstaltungen. Es geht bei den Meisterkonzerten darum, ergänzend dazu besondere musikalische Erlebnisse zu schaffen, den Leuten die Gelegenheit zu geben, einen vielleicht unvergesslichen Konzertabend zu erleben. Es wäre schön, wenn die Meisterkonzerte nach und nach eine Ausstrahlung gewinnen könnten wie die Hallen für Neue Kunst.

In Schaffhausen fehlt ein Auditorium. Manche finden, die Kirche St. Johann sei zu gross für einen Streichquartettabend ...

Bärtschi: Der St. Johann ist natürlich ein gutes Auditorium! Die Bedenken gegenüber intimer Kammermusik in einem grossen Saal verstehe ich zwar, teile aber die Schlussfolgerung nicht. Die Kammermusiker selber spielen nämlich sehr gerne im St. Johann. Und die Akustik in der Kirche ist durchaus auch dafür geeignet. Andräs Schiff wird die Goldbergvariationen auf einem grossen Flügel in einem grossen Saal spielen: Bach hat aber damals kaum daran gedacht, dass sein Werk überhaupt jemals in ganzer Länge «konzertmässig» gespielt würde. Es wurde ja geschrieben als eine private, als eine Studier- oder Hausmusik. Und was würden Komponisten früherer Zeiten denken, wenn sie wüssten, dass ihre Werke mit Hilfe klingender Ohrstöpsel angehört werden. Das ist eben unser heutiger Umgang mit Musik. In den grossen Säälen sehe ich das kleinste «Übel».

Hören Sie auch ab und zu einen Popsong?

Bärtschi: (lacht) Kürzlich habe ich mir Sophie Hunger, die ich auch persönlich kenne, wieder angehört. Ihre introvertierte Musik ist sehr eigen. Das gefällt mir. Ab und zu gehe ich auch an das Jazzfestival.

Wenn Sie eine Minute lang Diktator wären, welches Gesetz würden Sie erlassen?

Bärtschi: Die Diktatur abschaffen! – Aber Sie wollen etwas anderes hören. (überlegt lange) Ich würde wohl das Schul- und Bildungssystem abschaffen, um wieder einmal bei null anzufangen. Mir scheint beispielsweise der Kunstunterricht viel zu sehr verschult. Wissen Sie, im Grunde bin ich ein Anhänger der Anar-chie, und zwar in ihrem urtümlichen Sinne: Das meiste im Leben folgt keinem Plan und keiner Ordnung – ob und wie wir uns verlieben, ob und wie wir Musik machen oder ein Gespräch führen. Das macht unser Leben so frisch. In der politischen Landschaft der Schweiz sehe ich übrigens mit Freuden die Anarchie recht gut verwirklicht: Ein kaum entwirrbares, komplexes Netz von Zusammenhängen und Abhängigkeiten schafft zwar Trägheit in der Entscheidungsfindung, aber auch dauernd neue Wendungen und Überraschungen, und hindert Herrschaft wirkungsvoll daran, sich zusammenzuballen und auszudehnen. Machtmenschen können sich nicht allzu sehr entfalten. Das ist gut so.

Wenn gleich die Welt unterginge, welches Musikstück würden Sie sich noch anhören wollen?

Bärtschi: Oh, zum Beispiel Dvoˇráks Bläserserenade.

von Mark Lienenberg
  Bild zu Tolle Erlebnisse schaffen

Reportage

Alle Artikel:

Tolle Erlebnisse schaffen
Theater-Tanz-Performance
Wahre Liebesgeschichten
«Wagen wir uns an Weltliteratur»
Unter Bäumen wandeln
Steinbildhauer-Symposium
Boogie-Woogie-Sommer
Porträt eines Kämpfers
In den Strassen Shanghais
Einsteiger
Kratz auf der Platte
Laufschwärmereien
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Kino zu Hause
Zeit ist Geld
Tanzen auf Finnisch
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Marktwirtschaft
Besenschwingen
Gebärdensprache
Verschuldet, verpfändet, verarmt.
Kurz gesagt
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Portugal, Presse, Eskapaden
Novemberschreiben
Studentenleben
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On the Road Together
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Moderner Hofnarr
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In Nischen zu Hause
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«Auf dem Seil ist alles möglich»
Hole-in-one
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King Marduk
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